Zum Artikel “Wer hat Angst vor der Freiheit?” des Berliner Kommunikationstheoretikers Norbert Bolz. Erschienen in Cicero – Magazin für politische Kultur, November 2009.

- Jeff Wall, Young Workers, 1978, Farbfotografien
Die neue, alte Unfreiheit
Die Deutschen sind unfrei, schreibt Norbert Bolz, geknechtet von einem sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat, der Rundumvorsorge, statt Selbständigkeit propagiert. Diese riesige, geschichtliche Staatsfessel, die unsere Bewegungen lähmt, uns die Freiheit und Individualität abspenstig macht und jeden Bürger automatisch infantilisiert habe sich, so Bolz, mit dem Wahljahr 2009 endgültig überlebt. Das Ergebnis könne nicht trügen: 17 Prozent für die Freien Demokraten bedeuten ein Erwachen der Deutschen. Es geht nun endlich in Richtung Freiheit, Selbstbestimmung, Stolz. Stolz? Tatsächlich scheint sich im aktuellen Feuilleton alles um einen akuten Mangel an „persönlichem Stolz“ bei denen zu drehen, die sich selbst als Leistungsträger und Tatmenschen begreifen, die also von der Masse der Bittsteller und Inanspruchnehmer abstechen: Es steht sich gut in rauer See, auf einsamen Felsen, doch man ist ein bisschen allein.
Die Tatkräftigen werden selbstverständlich von der Masse der (intellektuell wie ökonomisch) Minderbemittelten verachtet:
“Wer hervorragen will, gilt als asozial. Persönlicher Stolz ist die größte Sünde im egalitären Sozialismus, Selbstauslöschung dagegen eine Tugend.” (Bolz)
Fassungslos steht man vor diesen, in ihrer Überzogenheit und gleichzeitigen Verkürzung, völlig beispiellosen Sätzen. Dass Bolz individuelle Leistungen strikt durch eine Gemeinschaft behindert sieht, Individuum und Gruppe also durch eine unaufhebbaren Antagonismus begründet, der sich nur durch die Abschaffung dieser Gemeinschaft befrieden lässt, wirkt bizarr. Selbstverständlich legen Gruppen und Gemeinschaften jedem Individuum Zwänge auf, was in zahllosen psycho- und soziologischen, linguistischen und philosophischen Analysen nachgelesen werden kann. Aber dieser Zwangscharakter gehört unweigerlich zum Kernbestandteil jeder Gemeinschaft und Kultur, einfach deshalb, weil eine Gruppe durch ein Zusammen definiert wird, welches zunächst eine teilweise Preisgabe des monadenhaften Subjekts verlangt. Der Mensch als Gruppenwesen bedarf dieses Zusammenseins von Geburt an, er benötigt das Sprechen, ebenso wie die Berührung eines anderen: er muss sich selbst im (und als) anderen sehen, um selbst zu sein.
Durch Kommunikation, welche Gemeinsamkeiten stiften muss, um zwischen unterschiedlichen Individualitäten Übereinkünfte zu erarbeiten, werden Gruppen konstituiert und konstruiert. Anders ist gemeinschaftliches Handeln und Interagieren, Gemeinschaft selbst überhaupt nicht denkbar. Ob in der Liebe oder im Alltag: wer das Eigene als unumstößliche Einheit setzt, die von allen Fremdeinflüssen befreit und gereinigt werden soll, ist überhaupt nicht in der Lage Gemeinschaftlichkeit und Partizipation (und im Umkehrschluss das Eigene) zu denken.
Freiheit
An dieser Stelle berührt man den Kern von Bolz‘ Artikel. Das Individuum, so sein programmatischer Wurf, muss freigemacht werden von sämtlichen Beschränkungen. Die Staatswohlfahrt nähme dem Menschen die Verantwortlichkeit für das eigene Leben und dessen Verwirklichung ab. Die „Verwaltete Welt“, in der wir leben, reduziere die persönliche Freiheit auf ein Minimum. Die Massendemokratie mache einzig das Massenhafte gangbar, den Massenverstand, die Massenhandlung. Der Mensch ist, kurz gefasst, durch und durch abhängig. Auch wenn Bolz‘ Kritik nicht von der Hand zu weisen ist, die „Verwaltete Welt“ tatsächlich zum Kernbestandteil kontemporärer Wirklichkeit zählt und die Bürokratisierung sich bis in die Individuen selbst fortsetzt, muss doch das Augenmerk auf der fast prophetisch wiederholten Lösungsformel Bolz‘ liegen, die all diesem ein Ende setzt: „Freiheit“.
Kein Begriff wird von Norbert Bolz häufiger gebraucht, und kein Begriff bleibt in diesem Artikel unbestimmter. Es ist eine einfache rhetorische Geste, die Bolz hier einsetzt und die sofort ein riesiges mythologisches Bedeutungsensemble motiviert, welches mit dem Begriff der „Freiheit“ verknüpft ist. Ohne zu bestimmen, was er mit diesem Wort explizit meint (ein kleiner Hinweis darauf folgt später im Artikel, siehe unten), stellt sich Bolz als derjenige, der „mit der Freiheit spricht“, auf fortschrittliches Terrain. Wer die Fahne der Freiheit schwenkt, kämpft gegen Zwänge, Unterdrückung, Repression, ist immer Teil der Avant-Garde. Wer sich selbst als Kämpfer für die Freiheit definiert, wirkt nicht nur fortschrittlich, sondern im selben Augenblick auch sittlich gut. Um die „Freiheit“ kommt man nicht herum, ihr ist nicht zu widersprechen. Das weiß Bolz‘ und darauf legt er Wert, denn wer am Hang zur Freiheit auch nur eine Sekunde zweifelt, stellt sich selbst ins Abseits, schaltet sich als Diskussionsteilnehmer aus. Interessant ist dabei aber, wie fadenscheinig und durchsichtig das freiheitliche Denken Norbert Bolz’ tatsächlich ist und aus diesem Grund auch völlig legitim kritisiert werden muss.

- Lee Friedländer, Shadow – New York City, 1966, Fotografie
Freiheit = Wettbewerb
„Autonomie ist Selbstverwirklichung. Es geht um die Aufgabe, sich selbst zu verwirklichen, indem man sich selbst zu Aufgaben herausfordert, die man selbst bestimmt.“(Bolz)
Was ist daran falsch? Nichts. Aber das ist nicht alles: Freiheit heißt für Bolz nicht nur sich selbst verwirklichen zu können (allein dieser romantische Mythos wäre hinterfragbar: was soll das heißen, „sich selbst zu verwirklichen“, welcher kulturelle Topos wird hier aufgerufen und als Denkschablone benutzt? Der diffuse semantische Nebel in dem sich Bolz die ganze Zeit über bewegt, ist ohne Frage dies: sehr dicht), sondern gleichzeitig, keine Zugeständnisse an andere machen zu müssen: „Jede Gruppenzugehörigkeit macht abhängig, und jede Abhängigkeit reduziert die Freiheit.“ Dass heißt ganz einfach und in akrobatischer Verkürzung: Bin ich allein, bin ich frei, bin ich ein Gruppenwesen, bin ich Knecht.
Persönliche Freiheit deutet laut Bolz aber noch in eine andere Richtung und zwar in Richtung des „Wettbewerbs“. Erst an dieser Stelle wird ersichtlich, weshalb Bolz den sozialdemokratischen „Wohlfahrtstaat“ (der ja in Wirklichkeit seit Jahren das „Wohl“ zugunsten des „Staates“ reduziert) verabschiedet sehen will: Dieser unterdrückt den aus liberalen Wirtschaftstheorien bekannten „freien Markt“, der sich einerseits „selbst regulieren“ könne und andererseits gerade nicht zur Bereicherung der Wenigen auf Kosten der Vielen beitrüge, sondern all das schaffe, was Bolz für die Gemeinschaft (und gerade nicht nur für die Ökonomie) antizipiert: „Freiheit“, „Gleichheit“, „Leistungsstolz“. Bolz überträgt also einfach das wirtschaftsliberale Denken auf das menschliche Zusammenleben in einer Gesellschaft (in Orte, die der sozialdemokratische Staat versuchte von der ökonomischen Logik „abzuschotten“). Er trägt die Konkurrenz zwischen Unternehmen in die Individuen selbst, pflanzt den Leistungsdruck, die Verwertbarkeitslogik und den extremen Wunsch sich zu bereichern in die Gemeinschaft. Individuen sollen funktionieren wie Betriebe: auf Profit eingestellt, auf Kostenreduktion, auf Leistung. Das ist Selbstverwirklichung und unsere Freiheit.
Bolz sieht ohne Probleme von allen Schwierigkeiten und Abgründen ab, die jene Ökonomisierung des Gemeinswesens mit sich bringt. Dass Konkurrenz zwischen Individuen, nicht zu einer Befreiung, sondern vor allem zur Unterdrückung der Schwachen, eben nicht Leistungsfähigen führt, wird nicht erwähnt. Dass einer Gewinner-Seite immer auch eine Seite gegenübersteht, die verliert, bleibt unentdeckt. Auf wessen Kosten eigentlich Profit und Leistung gegründet werden, wird nicht einmal ansatzweise besprochen: Wie im “Bürgerlichen Manifest” Peter Sloterdijks (in derselben Ausgabe des Cicero enthalten) generiert sich Erfolg und Kapital (die vielbeschworenen “25%” Sloterdijks, welche die gesamten “100%” der deutschen Bevölkerung finanzieren) aus sich selbst heraus, quasi voraussetzungslos. Auf die Spitze wird dieses Denken nur noch durch Peter Sloterdijks Gedanken getrieben, die “Geber”, gäben auch ohne gesetzliche Beschränkung (also nach der Abschaffung des “lethargokratischen” Sozialstaats), rein freiwillig und dem eigenen Seelenhaushalt wegen (“…, die tieferen Momente, die uns wirklich Satisfaktion verschaffen, sind ohne Zweifel diejenigen, in denen der Einzelne sich seiner Geberqualitäten versichert.” Sloterdijk). Eine ausgreifendere Romantisierung liberaler Wirtschafspolitik, die als Lebensbasis in das zwischenmenschliche Zusammenleben implementiert werden soll, ist kaum noch denkbar. Und dabei werfen gerade Bolz und Sloterdijk ihren Gegnern (den “Sozialromantikern” linker Provenienz) diese Romantisierung vor: Wer noch ernsthaft an “Alles für alle” glaube, sehe von realen Tatsachen ab. Wo, wenn nicht in dem sorglosen Gebrauch solcher Begriffe wie “Freiheit”, “Selbstbestimmung”, “Selbstverwirklichung”, “Individuum”, ließe sich, die den Gegener vorgeworfene naive Romantisierung, ausdrücklicher antreffen?
Der Mensch im Ozean Oder: Wer verliert ist selber schuld
Schwimmt jeder Mensch als endlich Wirklichkeit gewordene „Ich-AG“ durch den enthemmten Ozean gesellschaftlicher Wirklichkeit, bleibt doch trotzdem ein Problem, das Bolz nicht weiter interessiert: Was passiert, wenn zwei Individuen in ihrem persönlichen „Selbstverwirklichungsdrang“ aufeinandertreffen und plötzlich in Konflikt geraten? Bolz’ „Freiheit“ erscheint nur deshalb so friedlich und wünschenswert, weil er nicht in der Lage ist, mehr als ein Individuum zu denken. In der Theorie des vereinzelten Subjekts ist es kein Problem die Verwirklichung der Monade zu Ende zu führen, so lange man den anderen einfach ausschaltet oder übergeht. Tatsächlich aber ist dieser andere immer vorhanden (ob als anderes Subjekt oder aber als Unternehmen) und wenn „Freiheit“ Selbstverwirklichung um jeden Preis, dass heißt unter Vernachlässigung der Bedürfnisse und des ebenso legitim vorhandenen Selbstverwirklichungsanspruchs des anderen bedeutet, gerät sie zur machtvollen, gewalttätigen Geste, die entweder unterdrückt oder unterdrückt wird. Die Blindheit Bolz‘ und die Blindheit der gesamten wirtschaftsliberalen Liga liegt genau in diesem Aspekt: Nicht sehen zu können, dass die unumschränkte Durchsetzung der eigenen Freiheit konsequent zur Beschneidung der Freiheit eines anderen führen muss. Ist es nötig für dieses Machtverhältnis Beispiele aus Geschichte und Theorie zu zitieren?
Ganz vollständig ist diese Darstellung allerdings nicht, denn die letzten Absätze in Bolz‘ Artikel versuchen auf andere Weise das Konzept der „Gemeinschaft“ neu zu begründen: Im Gegensatz zur Kommunikationsromantik eines Putnam (dessen „kummunitaristisches Programm einer Rettung der Gemeinschaft“ einfach einer langweiligen „Predigt“ gleichkommt), sieht Bolz das neue gesellschaftliche Wesen im Internet verwirklicht: StudiVZ, Facebook, hier fände man die Garanten eines neuen Miteinander, welches sich vor allem durch das „Netzwerk“ definiere. Die Begegnung real Handelnder, wird also zugunsten des im „Cyberspace“ (Bolz) verorteten Web 2.0 ersetzt, „die eigentliche Bedeutung der Netzwerke liegt nämlich nicht in der Dimension der Informationsverarbeitung, sondern in der Bildung freier Gemeinschaft.“ Dabei wird die Piraten-Partei als Phänomen interpretiert, das zum ersten Mal die realen Auswirkungen einer, im Internet sich konstituierenden Gemeinschaft, habe spüren lassen.
Das mag sein. Aber welche Form von Gemeinschaft wird selbst das Web 2.0 generieren können, wenn die gesamtgesellschaftliche Sphäre erst einmal dem Prinzip der liberalen Wirtschaft angeglichen ist? Bündnisse, die im deregulierten Nirgendwo, ihre Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen versuchen. Diejenigen, die auf der Strecke bleiben, waren dann einfach nicht in der Lage, aus ihrer unumschränkten Freiheit etwas zu machen.
Tags: Bürgerliches Manifest, Cicero, Freiheit, Gemeinschaft, Gesellschaft, Individuum, Norbert Bolz, Peter Sloterdijk
02/11/2009 um 13:47 |
Und es fing so gut an. Die Kritik am gleichsam atomistischen Individualismus ist völlig zutreffend. Der Mensch ist auf Gemeinsamkeit ausgelegt, ein Umstand der Folgen hat.
Diese eine aber nicht: Er erhebt – so wie auch nichts anderes – das Kollektiv nicht über die Person. Personen in einer Gemeinschaft müssen sich arrangieren. Und dieses Arrangement braucht eine Basis: Freiwilligkeit. Nur dann bleibt auch die Friedfertigkeit weitestgehend gewahrt, ganz anders als im Auswuchs der angeblichen “Berechtigung” völkischer, nationaler oder sonstwie kollektivistischer Gewalt via “Staat” gegen Person und Personen. Noch einmal: Die Bedürftigkeit des Menschen nach Anderen gibt den Anderen kein Recht zur Herrschaft. Allemal sind diese Anderen ja selbst derart bedürftige Menschen. Das angebliche “Recht” des Stärkeren ist der Mythos des Naturalismus der Vormoderne, das “Recht” der Mehrheit der Mythos der demokratistischen Moderne. Alles eitle Ideologie, die schadet. Tatsächlich wäre es ein zivilisatorischer Schritt, den endlich auch ein Sloterdijk denken kann und der den Mut hat diesen auszusprechen und an den Mann zu bringen: Fiskalische Gewalt zu beenden und Umverteilung zu privatisieren.
Und hier kommen wir zu einem weiteren Fehler in der Weltensicht (wie geschrieben, der wesentliche Ansatz war wunderbar): Zur Gewinn-und Verlustrechnung derer, die Umverteilung schon so als “eigentlich” verinnerlicht haben, daß sie die Freiheit nicht mehr verstehen können. Dies ist verzeihlich, denn viel zu vieles liberalistische Geschwätz hat schlichtweg ein ethisches Defizit. Ja, wenn es um ein Durchsetzen geht, dann ist die Freiheit schon dahin. Freiheit ist unteilbar. Wo sich Menschen begegnen, bleibt diese nur gewahrt, wenn die Freiwilligkeit gewahrt bleibt. Dann aber gewinnen immer beide! Denn es ist einfach ein grundlegender Irrtum, daß da, wo der eine gewinnt, ein anderer verlieren muß. Dies ist reinstes Umverteilungsdenken – und eine solche Begründung ist ein Zirkelschluß zugunsten der eigenen Ideologie. Dieser ist verzeihlich in einem fast völlig gleichgeschaltetem Staat, in dem alle Gewalten – und selbst die vierte, genauso ticken. In einem Land, in dem der Staat die Bürger bildet – und nicht umgekehrt. Aber dies nur am Rande. Menschen handeln oder sie handeln nicht. Wenn sie handeln, dann sind damit Transaktionskosten verbunden, die nur dann getätigt werden, wenn sie einen höheren Gewinn versprechen. Unter der Maßgabe von Freiwilligkeit kann also kein Vertrag (das Gegenteil von Politik) für irgendeine Seite einen Verlust bedeuten. Möglich ist natürlich eine falsche Antizipation, wir haben alle keine Glaskugel (und es gibt sie auch nicht in dieser Eigenschaft). Nach den kybernetschen Gesetzen ist aber eine Fehlsteuerung um so größer, je größer der Regelabstand ist. Selbst ein anmaßender Dritter, der sich eine bessere Antizipationsfähigkeit zutraut, wird diese deswegen regelmäßig nur schlechter haben können. Es führt also kein Weg darum herum, daß die Personen ihre Entscheidungen selbst treffen müssen. Können sie dies nicht, weil sie von den über 800.000 Vorschriften maßgeregelt sind, dann verlieren sie mangels sinnvoller Ausübung ihre Antizipationsfähigkeit weiter und vom fernen Bürokratentisch wird ganz liberalistisch-sozialistisch Alles für Alle geregelt. Die Menschen sind aber nun einmal – und gottlob – verschieden. Unmöglich können Tausende Klone eine Gemeinschaft begründen. Und genau deshalb geht auch Gemeinschaft verloren, werden Gemeinschaften im Inneren und Äußeren instabil. Dies wird zurecht beklagt, dem kann aber gerade nicht durch einen kollektivistischen Duktus und schon gar nicht durch eine derartige Politik begegnet werden. Die Menschen müssen erst einmal wieder sie selbst werden, zu sich kommen, bevor sie mit anderen konstruktiv zusammenkommen können. Wir brauchen Freiheit. Ohne Freiheit können Menschen keine sinnvollen Gemeinschaften begründen. Wir brauchen Freiheit. Ohne Freiheit können wir uns nicht beidseitig gewinnbringend vertragen. Auf diese Freiheit zu verzichten, führt zu den Mißständen der Gegenwart.
Zum Abschluß noch ein mir sehr wichtiger Hinweis: Gewinnbringend in menschlicher Hinsicht ist nicht nur Geld. Des Menschen Werte sind beileibe nicht nur die Moneten, praxeologisch wirksam ist die ganze Breite der menschlichen Daseins- und Hoffensdimension. Eine merkantile oder monetaristische Sicht der Ökonomie, gar eine durchgehende Ökonomisierung in diesem Sinne, geht deshalb auch fehl. Die Denker der Österreichischen Schule der Nationalökonomie waren und sind da einfach anders und zutreffend gestrickt, zwar (wenige) ökonomische Gesetze zu erkennen, Ökonomie aber als Logik des Handelns in den Geisteswissenschaften zu belassen und nicht den Menschen und am liebsten die ganze Weltwirtschaft, womöglich gleich gar alles, in Zahlen zu fassen und zu berechnen. Diese Rechnung geht nicht auf, hier braucht der Zeitgeist eine Revolution im Bermanschen Sinne.
Und noch einmal zur Erinnerung, das Kollektiv ist kein Träger von Rechten. Es stimmt: Wir, ja wir, brauchen Freiheit. Die Freiheit als Personen zu handeln. Ohne die Freiwilligkeit des Handelns auch des “Anderen”, der umgekehrt ja ich selbst bin, verschlechtern wir unsere Situation mit jeder Tat. Handeln wir und lassen wir in Freiheit handeln, vertragen wir uns, dann gewinnen wir beide: der Andere und ich, der Andere des anderen Ichs. In Freiheit lösen sich die angeblichen Unverträglichkeiten von Ethik, Recht und ökonomischem Gesetz auf. Das begründet ihren fundamentalen Wert. In Freiheit verliert das antagonistische “teile und herrsche”-Spielchen zwischen Kollektiv und dem Einzelnen seinen Sinn. Und die Schwachen? Das Schöne am Paternalismus ist ja, daß er offensichtlich wohl eine natürliche menschliche Regung ist. Ich schrieb es einst Müntefering, ein Irrtum ist es, zu glauben, mit dem Geld anderer Leute in den Himmel kommen zu können. Behalten wir die Regung, zivilisieren wir sie. Mit Sicherheit ist persönliche Hilfe wärmer, regelt sie – ich erinne an das kybernetischen Gesetz – die Dinge aus der Nähe besser. Und es braucht auch viel weniger davon. Denn unter Bedingungen der Freiheit greifen die komparativen Vorteile, die Ricardo einst erkannte und beschrieb: Auch der Schwache kann dem Starken etwas geben. Menschen bestehen nicht aus Binärcodes von Dollarbilanzen. Schwache nicht – und Starke nicht. Apropos Binärcodes: Wer ist im Informationszeitalter stark, wer schwach? Ist Stephan Hawkins schwach, weil er behindert ist? Gehört der kräftige Kerl von der Müllabfuhr zur mächtigen Nomenklatur? Was ist dumm, was ist schlau, was wird gebraucht, was nicht? Märkte “wissen” das auch nicht. Aber der freiwillige Tausch zum beidseitigen Vorteil kristallisiert das millionen- und milliardenfach heraus. Dem kommt die Staatsgewalt nicht gleich. Sie ist je größer, umso tumber und gewalttätig. Sie kann nur Wohlstand umverteilen und vernichten. Wohlfahrt funktioniert anders. Dabei bleibt der Mensch auf sein Maß beschränkt, das Paradies ist dahin. Einmal mehr aber, tut Umkehr not.
02/11/2009 um 16:16 |
“Was ist dumm, was ist schlau, was wird gebraucht, was nicht? Märkte „wissen“ das auch nicht. Aber der freiwillige Tausch zum beidseitigen Vorteil kristallisiert das millionen- und milliardenfach heraus.”
In diesem freiwilligen Tausch lösen sich also ökonomische Gesetze auf.
Die Kristallisation des Vorteils findet nicht etwa an bestimmten Punkten in größerem Ausmaß statt, als an anderen? Es ist ein Irrtum, mit dem Vorteil auch den Nachteil, mit dem Gewinn auch den Verlust zu denken. Ach, herrje! Wie Bolz und Sloterdijk nichts als Vulgär-Liberalismus. Diese hartnäckigen Apriori vom “befördenden Markt” und “behindernden Staat”. Wenn man schon mit Kybernetik rumwedelt, dann sollte man leicht einsehen können, dass sich Staat und Markt jeweils stets selbst befördern. Wenns nicht grad ne Regierungsbeteiligung der FDP gäbe, könnte man ja noch drüber lachen…