„Jede Fotografie ist eine Art memento mori. Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, daß sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit.“ (Susan Sontag, In Platos Höhle)
Greift man diesen Gedanken der amerikanischen Essayistin und Schriftstellerin Susan Sontag (1933-2004) auf, dann bezeichnet die Fotografie eine ganz bestimmte Position innerhalb der Zeit. Einerseits verdichtet das Foto Bewegungen, Ereignisse und Abfolgen auf einen knappen Augenblick, der durch die Sekundenbruchteile der fotografischen Belichtungszeit festgelegt wird und damit einen Moment konserviert, welcher noch Jahrzehnte später betrachtet werden kann – selbst dann, wenn bereits niemand mehr lebt, der auf dem Foto zu sehen ist oder mit seiner Entstehung etwas zu tun hatte. Andererseits und gerade gegen dieses Fortbestehen des Augenblicks und Menschen im Bild gerichtet, deutet das Foto doch direkt auf die Sterblichkeit desjenigen, der auf dem Fotopapier festgehalten ist. Egal wie lebhaft die Züge eines Gesichtes auf einer Fotografie erscheinen mögen, sie können doch letztlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie vergangen sind und mit ihnen auch der Mensch vergangen ist bzw. vergeht. Obwohl das Bild den Fotografierten in seiner äußeren Erscheinung vor Augen stellt und ihn auf eine ganz bestimmte Weise vergegenwärtigt, besitzt es doch keine Möglichkeit die verflossene Zeit selbst zurückzunehmen oder ungeschehen zu machen. In diesem Spalt zwischen Anwesenheit und unumgänglicher Abwesenheit des fotografierten Modells siedelt sich schließlich auch das eigentlich kindliche Staunen an, welches die meisten Betrachtungen zur Fotografie immer dann erkennen lassen, wenn sie über Darstellungen bereits Verstorbener sprechen. „Eines Tages, vor sehr langer Zeit“, schreibt Roland Barthes ein Jahr vor seinem eigenen Tod in La chambre claire, „stieß ich auf eine Photographie des jüngsten Bruders von Napoleon Jérôme (1852). Damals sagte ich mir, mit einem Erstaunen, das ich seitdem nicht mehr vermindern konnte: ‚Ich sehe die Augen, die den Kaiser gesehen haben.‘“ Dem Blick eines Menschen begegnen zu können, der bereits verstorben ist, aber doch trotzdem leibhaftig aus dem Bild zu blicken scheint, ist die Macht und gleichzeitige Ohnmacht des Fotos (Abb. 2). Die Figur im Bild ist nie ganz da und auch niemals völlig verschwunden, man kann sie mit keiner Faser greifen. Deshalb weckt jedes Foto eines Verstorbenen auch dieses ungläubige Staunen: Wie nah uns derjenige scheint, der bereits nicht mehr ist.

Abb. 2, Anton Georg Martin, erstes fotografisches Selbstportrait Österreichs, um 1840, Daguerrotypie
Das Staunen über die Sterblichkeit eines anderen, schließt das Staunen über die eigene Sterblichkeit mit ein. Doch diese Anspielung auf das eigene Vergehen wird erst dann (und wie sollte es auch anders sein?) zur Wirklichkeit, wenn derjenige, der sich nur dem Hinweis auf den eigenen Tod ausgesetzt sah, plötzlich mit diesem selbst umgehen muss. David Rieff, Susan Sontags Sohn aus erster Ehe, beschreibt in seinem Buch „Swimming In A Sea Of Death. A Son’s Memoir“ die letzten Monate seiner Mutter nach einer Blutkrebsdiagnose Anfang 2004 (zuvor hatte sie bereits zwei weitere Krebserkrankungen überstanden). Dabei handelt der Bericht David Rieff’s zwar vordergründig vom Umgang des Patienten mit einer tödlichen Krankheit (dem anfänglichen Unverständnis des medizinischen Vokabulars, dem Unglauben an eine letztlich wirklich tödliche Krankheit, der alles durchziehenden Hoffnung auf Heilung), weite Textpassagen über wird aber das unbändige Verlangen Susan Sontags nach Leben und der Verlängerung des eigenen Lebens thematisch.
„There is a story that on the scaffold, the famous courtesan of the court of Louis XV, Madame du Barry, begged her executioner for ‚just one more minute of life.‘ My mother was physically almost foolhardily brave and she was far too dignified a person to have ever begged anyone for anything – least of all another minute of life- But she was willing to sacrifice anything except that dignity for more time in the world …”
Wenn es die Möglichkeit gäbe, schreibt Rieff, ein bewusstes Leben fern des eigenen, kranken Körpers zu führen, Susan Sontag hätte es gewählt. Und er schreibt auch, dass seine Mutter bis zuletzt nicht in der Lage gewesen sei, die eigene „Auslöschung“ (Sontag), den Tod als unbestreitbares Ende, zu akzeptieren. Mit der Hoffnung auf bessere Behandlungsmöglichkeiten werden Spezialisten zu Rate gezogen, allerdings nur mit dem Ergebnis, dass die statistischen Chancen eines Überlebens (und die Statistik ist in ihrer Kälte und errechenbaren Ehrlichkeit, eine schlechthin immer wieder vorgeführte Todesnachricht) fast ausgeschlossen sind. Darauf folgt die Agonie und Unvorstellbarkeit der eigenen Abwesenheit: nicht mehr schreiben zu können, kein neu erschienenes Buch zu lesen, keine Besuche mehr im Theater oder Kino.
Susan Sontag, die seit frühester Jugend ein außerordentliches Leben führte (mit 17 studierte sie bereits, um noch im selben Jahr zu heiraten) und bereits in ihren 30er Jahren eine international anerkannte Essayistin und Schriftstellerin gewesen ist, sah sich im Augenblick der Diagnose einer fast gewöhnlichen Zivilisationserkrankung ausgesetzt. „Now, I don’t feel any special“, zitiert David Rieff seine Mutter, die in ihrem Verlangen nach dem Erleben des noch Unerlebten, welches ihre Biographie und Romane durchzieht, niemals an ein Ende und wenn doch, nur mit ausgesprochener Angst glauben konnte. Die Krankheit selbst, setzt alles Gewohnte außer Kraft. Sontags unermüdliches Arbeiten, Lesen, Kritisieren, das, um der Erkenntnis willen, immer erneut auf sich genommene Schreiben, führt hier nur immer wieder zum letzten Satz des eigenen Verlöschens. Dem „Willen zur Wahrheit“, dem Studieren, Erklären und Analysieren von Gegenständen aus Kunst und Politik, wird dabei stets die gleiche Antwort entgegengehalten: nichts nützt mehr, der eigene Kopf, die Möglichkeit mit schwierigsten Situationen intellektuell umzugehen, ist hier nun plötzlich nicht mehr von Belang und hat im Anblick und Kreis der Krankheit auch keinerlei Relevanz. Sich abgeschnitten zu sehen von einer Lösung oder späten Rettung und gleichzeitig an diese unmögliche Rettung zu glauben, weil man leben will, um das zu tun, was man sein Leben lang getan hat, bezeichnet Susan Sontags unermüdliches Unternehmen, sich bis zuletzt nicht zu ergeben.
David Rieff erzählt dabei nicht nur von der abwechselnden Agonie und dem Wiederaufflammen des Überlebenswillens seiner Mutter, sondern ebenso von den eigenen Schwierigkeiten mit der fremden Krankheit umzugehen und angemessen auf die Wünsche oder stillen Forderungen der Kranken zu reagieren.
„During the months I watched my mother die, I was increasingly at a loss as to how I could behave toward her in ways that actually would be helpful. Mostly, I felt at sea.”
Im Nichtwissen was zu tun ist, klingt das Gefühl des freien Falls an. Während Susan Sontag, wie Rieff schreibt, vor allem Zuspruch verlangte und brauchte, also die Bestätigung des eigenen Überlebens immer wieder versichert haben wollte, war doch allen sie Umgebenden klar, dass dieses Verlangen unerfüllbar bleiben musste. Trotzdem, und David Rieff findet letztlich keine abschließende Antwort, versprach auch er Heilung, obwohl er anders dachte und dabei bleibt die Frage offen, ob in dieser Situation überhaupt etwas anderes möglich ist: kann die Wahrheit vom Sterben wirklich unvermittelt einfach diagnostiziert werden, ohne Zuspruch und Vermittlung durch diejenigen, die der Kranke liebt.
Hinter dieser Krankheit und im Wunsch auf ein Überleben spricht sich das Staunen über die eigene Sterblichkeit aus. Ähnlich wie der Erzähler in Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, der auf der letzten Matinée der Guermantes mit einem Mal feststellen muss, wie die Figuren, denen er durch Jahrzehnte des Erlebens und Erinnerns gefolgt ist, gealtert sind und manchmal schon lange verstorben und wie er, aus diesem Anblick auf sich selbst schließend, nun plötzlich das eigene Alter bemerkt, um daraus, „am Vortag meines Todes“, den endgültigen Entschluss zu fassen den eigenen Roman zu verfassen, stellt sich die Sterblichkeit in David Rieffs Bericht mit einem Mal ein und bleibt dann festgeschrieben.
So wie ein Foto den Abwesenden wieder anwesend erscheinen lässt, umschreibt auch David Rieffs Bericht die endgültige Abwesenheit seiner Mutter und erinnert an ihren Kampf gegen die Krankheit, vor allem aber an ihr unbändiges Verlangen nach Leben. Was hätte man sagen müssen, fragt er, was wäre zu tun gewesen. Wie hätte ich ihr besser beigestanden? Fragen, die nur die Überlebenden etwas angehen, antwortet Rieff.
David Rieff, „Swimming In A Sea Of Death. A Son’s Memoir”, erschienen bei Granta (London), 2008. Das Buch wurde 2009 unter dem Titel “Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag” von Reinhard Kaiser ins Deutsche übersetzt.
Tags: Bericht, David Rieff, Fotografie, Susan Sontag, Swimming in a Sea of Death, Tod einer Untröstlichen

